Archiv für September 2006

Konsummasse

Samstag, 30. September 2006

Um die Psychologie der Gesellschaft besser zu verstehen ist es fast unumgänglich, sich Elias Canettis “Masse und Macht” zu Gemüte zu führen. In diesem 25 Jahre alten Werk sind viele Mechanismen mit Beispielen beschrieben, die sich in der Menschheitsgeschichte kaum verändert haben. Nichtsdesto trotz kommen neue Massenphänomene hinzu.

Canetti beginnt das Kapitel “Zur Psychologie des Essens” mit folgenden Worten:

“Alles, was gegessen wird, ist Gegenstand der Macht”

In einer etwas allgemeineren Formulierung beschreiben wir den Umstand eines neuen, modernen Massenphänomens:

Alles, was konsumiert wird, ist Gegenstand der Macht. Dies hat immer noch Gültigkeit für die Nahrungsaufnahme geht aber darüber hinaus. In modernen Gesellschaften lässt sich zunehmend verschwenderisches Verhalten feststellen. Dies resultiert unter anderem aus dem Haben-Wollen, ist jedoch nicht der ursprüngliche Antrieb.

Moderne Gesellschaften sind nicht nur geprägt durch Verschwendung, sondern auch durch psychischen Stress bis hin zu Depressionen. Sofern es sich um ein mildes Derivat des letzteren handelt, so kann das Individuum durchaus auf einer persönlichen Basis mit dem Problem umgehen. Vielfach geschieht dies in Form von Verdrängung oder Verlagerung. Die negativen Emotionen werden dabei durch positive überlagert. Ein vielfach beobachtetes Verhalten ist das “Frust-Shoppen”.

Der Depressive fühlt eine emotionale Leere in sich (Dies trifft auch auf den Frustrierten zu, da die Emotionen, die ihm durch den Frust aufgebunden werden unerwünscht sind). Das Unbehagen, das ihm diese Leere verursacht, überwindet er, indem er durch Konsum Emotionen hervorruft. Je mehr er konsumiert, umso besser ist ihm zumute.

Durch den Erwerb von neuem Spielzeug wird der Gedankenzug von seiner momentanen Verfassung abgelenkt und zumindest kurzzeitig auf die Neuigkeit gerichtet. Alles was Neu ist erregt. Erregung führt zur Ausschüttung von Endorphin Wirkung haben kann, was eine beruhigend bis euphorische.

Weiter zeigt Canetti auf, dass Meistesser eine politische Machtstellung einnehmen, auch wenn sich dies nicht in der physischen Erscheinung des Meistessers manifestiert, sondern auf die Möglichkeit reduziert ist:

“Die Möglichkeit zu verschwenden und die Kraft dazu hat sich in manchen Gesellschaften bis zu förmlichen, rituellen Orgien der Zerstörung gesteigert.”

Auch wenn sich Canetti hier auf das Beispiel der Potolatsch Indianer bezieht, kann dies durchaus auf moderne Gesellschaften übertragen werden, zumal die Kraft durch das pekuniäre Vermögen gegeben ist. Somit wird durch Besitz die Machtposition manifestiert. Noch eindrücklicher manifestiert dies der Meistkonsumet durch die Vernichtung oder Verschwendung seines Besitzes. Dies geschieht auf vielfältige Weise. Zum einen zeigt er durch die Vernichtung auf, dass es sich beim Konsumgut um Luxus handelt, auf das er verzichten kann – dies bringt ihm Sympathien des einfachen Fussvolks ein. Weiters kann er es sich jedoch ohne weiteres leisten, das Konsumgut durch ein Neues, Besseres, Teureres zu ersetzen. Letztendlich kann er seine gesellschaftliche Position weiter verbessern durch die Art der Vernichtung, beispielsweise durch Weitergabe an “Bedärftige”.

Unter diesen Gesichtspunkten lassen sich ganz alltägliche Geschehnisse einreihen:

  • Der Kauf neuer Kleider – die alten landen in der Altkleidersammlung. Die neuen sind selbstverständlich dem letzten Modeschrei entsprechend.
  • Blutspenden – Das Blut wird regeneriert und das gespendete Blut wird für Bedürftige Opfer benötigt.
  • Blog-Beitrag – Wissen ist Macht, Wissensvermittlung kann Endorphine ausschütten

Im Zusammenhang mit der Vernichtungsmasse muss ein anderes zeitgemässes Phänomen angesprochen werden: “Geiz ist geil” Diese Aussage ist der WerbeSlogan von Saturn, einer Deutschen Multimediageräte Kette (Konkurrenz zu Mediamarkt). Mit diesem Slogan sollte der Konsum angekurbelt werden durch das Lockmittel niedriger Preise. Aus der ökonomischen Sicht des Konsumgut bedeutet dies, dass die Produktionskosten zu Lasten der Qualität gesenkt wurden. Qualität bedeutet nicht zu letzt Langlebigkeit. Durch den Erwerb qualitativ niederwertiger Produkte wird der Käufer somit zum Teil einer Verschwendungsmasse.

Web Theorien

Samstag, 23. September 2006

Beim Lesen von Douglas Adams “Hitchhicker’s Guide through the Galaxy” (1984) sind mir bis jetzt zwei Dinge ins Auge gestochen: Zum einen wird der Computer “Googleplex Star Thinker” erwähnt, dessen Aufgabe es ist Daten zu analysieren – nicht ganz unähnlich den Aufgaben eines Servers des Suchdienst. Möglich ist natürlich auch, dass Douglas Adams und Larry Page und Sergey Brin auf dieselbe Idee für die Bezeichnung gekommen sind (googol = 10100). Da dieses Wort aus der Mathematik Ecke stammt und Adams ursprünglich Mathematik studierte ist seine Kenntnis darüber nicht ganz auszuschliessen. Es ist jedoch anzunehmen, dass Informatiker, insbesondere mit akademischer Ausblidung, mit Douglas Adams Werken vertraut sind.

Der zweite Punkt ist der Guide und die Enzyclopedia Galaktica. Bei der Enzyklopedie drängt sich mir unweigerlich das Bild der Enzyklopedia Britanica auf. Der Guide in seiner Form entspricht einem Notebook oder ähnlichem Gerät. Der Umstand, dass die Artikel für den Guide von vielen verschiedenen Autoren verfasst werden drängt unweigerlich den Vergleich zu Wikipedia auf.

Was machen wir daraus? War Adams prometheisch veranlagt? Hatte er ein gutes Gespühr wie sich gewisse Sachen entwickeln? Waren es vielleicht nur wilde Fantasien? Fakt ist jedenfalls, dass es das Web erst seit 1989 gibt und erst in der ersten Hälfte der 90-er Jahre einen gewissen popularitätsstandard erreichte, der solche Prognosen fundiert hätten.