{"id":187,"date":"2006-09-30T12:19:13","date_gmt":"2006-09-30T11:19:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.sahits.ch\/?p=187"},"modified":"2017-12-24T21:42:30","modified_gmt":"2017-12-24T20:42:30","slug":"konsummasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sahits.ch\/blog\/blog\/2006\/09\/30\/konsummasse\/","title":{"rendered":"Konsummasse"},"content":{"rendered":"<p>Um die Psychologie der Gesellschaft besser zu verstehen ist es fast unumg\u00e4nglich, sich <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elias_Canetti\">Elias Canettis<\/a> &#8222;Masse und Macht&#8220; zu Gem\u00fcte zu f\u00fchren. In diesem 25 Jahre alten Werk sind viele Mechanismen mit Beispielen beschrieben, die sich in der Menschheitsgeschichte kaum ver\u00e4ndert haben. Nichtsdesto trotz kommen neue Massenph\u00e4nomene hinzu.<\/p>\n<p>Canetti beginnt das Kapitel &#8222;Zur Psychologie des Essens&#8220; mit folgenden Worten:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Alles, was gegessen wird, ist Gegenstand der Macht&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>In einer etwas allgemeineren Formulierung beschreiben wir den Umstand eines neuen, modernen Massenph\u00e4nomens:<\/p>\n<p>Alles, was konsumiert wird, ist Gegenstand der Macht. Dies hat immer noch G\u00fcltigkeit f\u00fcr die Nahrungsaufnahme geht aber dar\u00fcber hinaus. In modernen Gesellschaften l\u00e4sst sich zunehmend verschwenderisches Verhalten feststellen. Dies resultiert unter anderem aus dem <a href=\"http:\/\/www.sahits.ch\/blog\/?p=187\">Haben-Wollen<\/a>, ist jedoch nicht der urspr\u00fcngliche Antrieb.<\/p>\n<p>Moderne Gesellschaften sind nicht nur gepr\u00e4gt durch Verschwendung, sondern auch durch psychischen Stress bis hin zu Depressionen. Sofern es sich um ein mildes Derivat des letzteren handelt, so kann das Individuum durchaus auf einer pers\u00f6nlichen Basis mit dem Problem umgehen. Vielfach geschieht dies in Form von Verdr\u00e4ngung oder Verlagerung. Die negativen Emotionen werden dabei durch positive \u00fcberlagert. Ein vielfach beobachtetes Verhalten ist das &#8222;Frust-Shoppen&#8220;.<\/p>\n<blockquote><p>Der Depressive f\u00fchlt eine emotionale Leere in sich (Dies trifft auch auf den Frustrierten zu, da die Emotionen, die ihm durch den Frust aufgebunden werden unerw\u00fcnscht sind).  Das Unbehagen, das ihm diese Leere verursacht, \u00fcberwindet er, indem er durch Konsum Emotionen hervorruft. Je mehr er konsumiert, umso besser ist ihm zumute.<\/p><\/blockquote>\n<p>Durch den Erwerb von neuem Spielzeug wird der Gedankenzug von seiner momentanen Verfassung abgelenkt und zumindest kurzzeitig auf die Neuigkeit gerichtet. Alles was Neu ist erregt. Erregung f\u00fchrt zur Aussch\u00fcttung von <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Endorphin\">Endorphin<\/a> Wirkung haben kann, was eine beruhigend bis euphorische.<\/p>\n<p>Weiter zeigt Canetti auf, dass Meistesser eine politische Machtstellung einnehmen, auch wenn sich dies nicht in der physischen Erscheinung des Meistessers manifestiert, sondern auf die M\u00f6glichkeit reduziert ist:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Die M\u00f6glichkeit zu <\/em>verschwenden <em>und die Kraft dazu hat sich in manchen Gesellschaften bis zu f\u00f6rmlichen, rituellen Orgien der Zerst\u00f6rung gesteigert.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch wenn sich Canetti hier auf das Beispiel der Potolatsch Indianer bezieht, kann dies durchaus auf moderne Gesellschaften \u00fcbertragen werden, zumal die Kraft durch das pekuni\u00e4re Verm\u00f6gen gegeben ist. Somit wird durch Besitz die Machtposition manifestiert. Noch eindr\u00fccklicher manifestiert dies der Meistkonsumet durch die Vernichtung oder Verschwendung seines Besitzes. Dies geschieht auf vielf\u00e4ltige Weise. Zum einen zeigt er durch die Vernichtung auf, dass es sich beim Konsumgut um Luxus handelt, auf das er verzichten kann &#8211; dies bringt ihm Sympathien des einfachen Fussvolks ein. Weiters kann er es sich jedoch ohne weiteres leisten, das Konsumgut durch ein Neues, Besseres, Teureres zu ersetzen. Letztendlich kann er seine gesellschaftliche Position weiter verbessern durch die Art der Vernichtung, beispielsweise durch Weitergabe an &#8222;Bed\u00e4rftige&#8220;.<\/p>\n<p>Unter diesen Gesichtspunkten lassen sich ganz allt\u00e4gliche Geschehnisse einreihen:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Kauf neuer Kleider &#8211; die alten landen in der Altkleidersammlung. Die neuen sind selbstverst\u00e4ndlich dem letzten Modeschrei entsprechend.<\/li>\n<li>Blutspenden &#8211; Das Blut wird regeneriert und das gespendete Blut wird f\u00fcr Bed\u00fcrftige Opfer ben\u00f6tigt.<\/li>\n<li>Blog-Beitrag &#8211; Wissen ist Macht, Wissensvermittlung kann Endorphine aussch\u00fctten<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im Zusammenhang mit der Vernichtungsmasse muss ein anderes zeitgem\u00e4sses Ph\u00e4nomen angesprochen werden: <em>&#8222;Geiz ist geil&#8220;<\/em> Diese Aussage ist der WerbeSlogan von Saturn, einer Deutschen Multimediager\u00e4te Kette (Konkurrenz zu Mediamarkt). Mit diesem Slogan sollte der Konsum angekurbelt werden durch das Lockmittel niedriger Preise. Aus der \u00f6konomischen Sicht des Konsumgut bedeutet dies, dass die Produktionskosten zu Lasten der Qualit\u00e4t gesenkt wurden. Qualit\u00e4t bedeutet nicht zu letzt Langlebigkeit. Durch den Erwerb qualitativ niederwertiger Produkte wird der K\u00e4ufer somit zum Teil einer Verschwendungsmasse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die Psychologie der Gesellschaft besser zu verstehen ist es fast unumg\u00e4nglich, sich Elias Canettis &#8222;Masse und Macht&#8220; zu Gem\u00fcte zu f\u00fchren. In diesem 25 Jahre alten Werk sind viele Mechanismen mit Beispielen beschrieben, die sich in der Menschheitsgeschichte kaum ver\u00e4ndert haben. Nichtsdesto trotz kommen neue Massenph\u00e4nomene hinzu. 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